Erinnert ihr euch noch an meinen Beitrag „Ein typischer Mama-Tag“? Ich schon. Ich liebe diesen Beitrag, weil er einfach so verdammt ehrlich ist. Und jedes Mal, wenn ich ihn lese, kommen mir ein bisschen die Tränen in die Augen.
Mittlerweile sind bereits sechs Jahre vergangen und eigentlich hat sich kaum etwas verändert. Natürlich sind meine Kinder älter geworden, aber das Grundsätzliche hat sich nicht wirklich geändert. Mit einer Ausnahme natürlich: Ich höre das Wort „Mama“ kaum noch.
Stattdessen werde ich einfach angesprochen. Ohne „Mama“. Ich muss schon sagen, jetzt vermisse ich dieses „Mama“. Rückblickend betrachtet war es doch ganz schön, so angesprochen zu werden. Heute hat dieses Wort fast Seltenheitswert. Ab und zu höre ich es noch, aber selten. Die Fragen hingegen haben sich nicht geändert: „Kannst du mir einen Apfel machen?“ oder „Gibst du mir mal das Wasser?“
Okay, vielleicht übertreibe ich auch ein bisschen.
Wenn ich morgens früh um 5:30 Uhr das Haus verlasse, um zur Arbeit zu fahren, ist es noch ruhig im Haus. Alle schlafen noch. Der Einzige, der immer wach ist, ist mein Kater. Der schleicht mir ständig um die Füße, sodass ich fast auf die Schnute falle. Ich verlasse also das Haus und fahre zur Arbeit.


Auf Arbeit angekommen ist auch dort alles leer. Schließlich gibt es ja Homeoffice. Und irgendwie habe ich manchmal das Gefühl, dass das wirklich ausgenutzt wird. Gut für mich – es ist schön ruhig. Ich überlege kurz, was ich als Nächstes mache, schließe meinen Laptop an und fange an zu arbeiten.


Auf einmal schießt es mir durch den Kopf: Verdammt. Es ist schon 6:15 Uhr. Ich muss zu Hause anrufen und alle aufwecken. Wen rufe ich zuerst an? Meine Tochter oder meinen Mann? Ach, meine Tochter.
Das Telefon klingelt. Einmal. Zweimal. Dreimal. Viermal. Der Anrufbeantworter geht ran. Verdammt. Sie geht nicht ran. Hat sie verschlafen? So viele Fragen schießen mir durch den Kopf. Na gut, probiere ich es bei meinem Mann.
Das Telefon klingelt, eine verschlafene Stimme geht ran.
„Liegst du noch im Bett? Steh auf. Sofort. Sieh nach, ob unsere Tochter aufgestanden ist!“
Antwort meines Mannes: „Ich glaube, ich höre was.“
„Sieh lieber nach. Nicht, dass sie verschlafen hat. Wäre blöd. Sie ist schließlich ein Mädchen und braucht morgens ihre Zeit.“
Ich lege auf. Kurz darauf klingelt mein Telefon.
„Mama, ich bin doch schon munter. Nur Papa schläft noch.“
Zum Glück. Alles gut gegangen.
Um 7 Uhr explodieren meine WhatsApp-Nachrichten. Meine Tochter sitzt im Bus und schreibt mir. Nicht nur eine Nachricht. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Sechs. Ganz viele. Was denkt sie eigentlich, was ich auf Arbeit mache? Auf ihre Nachrichten warten?
Ach ja, stimmt ja. Sie hat mir ja mal gesagt, dass meine Arbeit „voll einfach“ ist und alles ganz leicht von der Hand geht. Soll sie erstmal in mein Alter kommen, dann wird sie schon sehen.
Endlich Ruhe. Ich kann mich jetzt endlich auf meine Arbeit konzentrieren. Mittlerweile ist es 15 Uhr. Ich schaue auf mein Handy. Verdammt – ganz viele Nachrichten.
„Bin jetzt an der Bushaltestelle.“
„Der Bus kommt nicht.“
„Der Bus kommt erst in 20 Minuten.“
„Was soll ich machen?“
„Ich fahre mit dem anderen Bus.“
„Bist du schon zu Hause?“
„Kannst du mich abholen?“
„Mama. Mama. Mammmmaaaaa.“

Da ist es wieder. Das vertraute „Mama“. Aber irgendwie anders. Mehr fragend als liebevoll gemeint.
Die Nachrichten sind schon fast eine Stunde alt. Ich denke, sie hat sich bestimmt beim Papa gemeldet. Ich rufe meinen Mann an. Verdammt. Geht nicht ran. Telefoniert wahrscheinlich wieder. Also rufe ich doch meine Tochter an. Geht auch nicht ran. Verdammt. Wo steckt sie? Ist sie zu Hause? Ist sie unterwegs? Ich weiß es nicht.
Also rufe ich meinen Sohn an.
„Ja, Klara ist zu Hause.“
Na dann. Glück gehabt. Dann kann ich jetzt auch Schluss machen.
Zu Hause angekommen – nach einer Stunde Fahrt wegen der ganzen Baustellen – bin ich völlig erschöpft. Ich möchte eigentlich nur einen Kaffee trinken und kurz ausspannen. Ich schließe die Tür auf und das Chaos empfängt mich.
Was ist passiert? Ich war doch nur neun Stunden weg.

Schuhe stehen herum, Katzenleckerlis liegen auf dem Boden, Sportzeug, Schulzeug, Pakete und natürlich die Katze – alles irgendwie mitten im Weg. Endlich ziehe ich Jacke und Schuhe aus. Ich möchte einen Kaffee. Und denke mir: Verdammt, wie sieht es hier eigentlich aus?
Frühstücksgeschirr steht noch herum. Mittagsgeschirr auch. Warum? Ach, verstehe. Die Spülmaschine wurde noch nicht ausgeräumt. Und wenn sie nicht ausgeräumt ist, kann natürlich auch nichts reingestellt werden. Dabei wäre es so einfach: Spülmaschine ausräumen.
So. Und wer macht das jetzt?
Ich rufe meinen Sohn:
„Kannst du bitte die Spülmaschine ausräumen?“
Er kommt runter und macht es. Zum Glück wieder etwas abgewendet.
„Was wollt ihr eigentlich zum Abendbrot?“ Es ist mittlerweile schon 17 Uhr.
„Was haben wir denn?“
„Klara, was möchtest du zum Abendbrot?“
„Weiß nicht.“
Mein Mann kommt runter. „Was möchtest du zum Abendbrot?“
„Ist doch noch eine Stunde hin.“
Ich überlege, finde schließlich etwas und wir sitzen alle am Abendbrottisch. Ich fange an, über meinen Tag zu erzählen. Schon merke ich die Blicke von der Seite, als wollten sie mich gleich vernichten. Aber ich höre nicht auf zu erzählen.

Dann frage ich meinen Sohn: „Was hast du heute gemacht?“
Meine Wange wird schon ganz heiß. Diese Blicke. Dann drehe ich mich zu meiner Tochter. „Und wie war dein Tag heute?“
„Sag ich dir nicht. Du magst Florian ja sowieso mehr als mich.“
Da ist er wieder, dieser Unterton. Was soll man darauf sagen? Sich einschleimen und sagen: „Nein, natürlich nicht, dich habe ich am liebsten.“ Das ist doch Quatsch. Ich habe zwei Kinder. Manchmal mag ich das eine mehr und manchmal das andere. Das ist doch ganz normal.
Irgendwann fängt sie dann doch an zu erzählen. Zwischendurch kommt natürlich noch:
„Ihr hört mir gar nicht zu!“
„Hört auf zu essen!“
„Hört auf euch anzugucken!“
(Hört auf zu atmen hat sie zum Glück noch nicht gesagt.)
Abendbrot beendet. Ganz schön anstrengend, so ein Abendbrot. Aber alle haben etwas gesagt. Alle sind glücklich. Hoffe ich zumindest.
Ich gehe erstmal eine rauchen.
Ich muss hier kurz raus.
Und wenn ich ehrlich bin, passiert es auch immer mal wieder, dass ich meiner Tochter gar nicht richtig zugehört habe, weil ich mit meinen Gedanken schon wieder ganz woanders war. Dann gehe ich später nochmal zu ihr, entschuldige mich und kuschle ganz doll mit ihr. Und spätestens in diesem Moment weiß ich wieder, warum ich dieses Wort eigentlich so liebe. Denn so anstrengend es manchmal auch sein kann „Mama“ zu sein ist und bleibt einfach das Schönste auf der Welt.

Eure Stephanie
Die in diesem Beitrag verwendeten Illustrationen wurden mit KI erstellt.




